Forschungsschwerpunkt 1

Politische Verantwortlichkeit und Partizipation

Der Forschungsschwerpunkt "Politische Verantwortlichkeit und Partizipation" untersucht verschiedene Formen sozio-politischer Dynamiken in Afrika, Asien, Lateinamerika und im Nahen Osten. Wir forschen zu institutionellem Wandel, politischen Prozessen und sozialen Entwicklungen unter Rahmenbedingungen inklusiver oder restriktiver Politik. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragestellungen zu politischer Verantwortlichkeit ("Accountability") und politischer Partizipation in unterschiedlichen Regimen auf nationaler und lokaler Ebene. Wir gehen der Frage nach, inwiefern Forderungen nach Accountability Erwartungen und Normen politischer Partizipation hervorrufen. Wir analysieren, wie sich verschiedene Formen der Teilhabe und Mobilisierung auf die politische Verantwortlichkeit und die Legitimität von Regimen auswirken. Einen weiteren zentralen Untersuchungsgegenstand bildet die Frage, inwiefern internationale Normen und globale Trends Prozesse von Partizipation und Accountability begünstigen oder hemmen.

Formale demokratische Institutionen täuschen mitunter darüber hinweg, dass diese in sehr ungleichem Maße von unterschiedlichen sozialen Gruppen beeinflusst sind oder es nur schwache Verbindungen zwischen der politischen Elite und der Wählerschaft gibt. Informelle Praktiken wie Klientelismus, Patronage und Korruption, die sich über verfassungsrechtliche Vorgaben hinwegsetzen, können demokratische Prozesse erodieren oder gar außer Kraft setzen und gefährden so die Rechtsstaatlichkeit. Unsere Forschung richtet den Blick darauf, wie sich die Zivilgesellschaft organisiert und wie sie Protest ausübt, um ihre Forderungen geltend zu machen und PolitikerInnen dazu bewegt, unter Bedingungen hoher wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit ihre Erwartungen zu erfüllen. Die Mitglieder des Forschungsschwerpunkts befassen sich mit der Frage, durch welche Mechanismen die politische Repräsentation verbessert wird, und sie untersuchen die Entstehung und Verfestigung sozialer Bewegungen sowie deren Auswirkungen.

Die Forschungsagenda umfasst mit Blick auf Accountability sowohl Dynamiken zwischen Staat und Gesellschaft als auch diejenigen innerhalb von staatlichen Institutionen. In vielen Staaten erhöht die Existenz mächtiger Exekutiven bei gleichzeitig schwachen Kontrollinstitutionen die Wahrscheinlichkeit, dass Politik nicht rechenschaftspflichtig handelt, was demokratische Prozesse behindert und die Ausübung von Bürgerrechten einengt. Eine solche Erosion demokratischer Praktiken kann sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene stattfinden und die Entstehung von autoritären Enklaven oder Formen von lokalem Autoritarismus begünstigen. Im Forschungsschwerpunkt „Politische Verantwortlichkeit und Partizipation“ werden die Funktionsweisen staatlicher Institutionen differenziert herausgearbeitet und die unterschiedlichen Logiken nationaler und subnationaler Politik analysiert.

Autoritäre Politik ist ein zentraler Gegenstand unserer Forschung. Wir beschäftigen uns mit Mustern internationaler Diffusion, Lernprozessen und der Kooperation zwischen autoritären Regimen sowie mit den globalen und regionalen Herausforderungen autoritärer Regime durch Protestwellen wie etwa den Aufständen im arabischen Raum 2011. Im Gegensatz zu einem konventionellen Verständnis, das Autokratien negativ anhand des Fehlens von Accountability und Legitimation durch Wahlen definiert, vertreten wir die Auffassung, dass die meisten Autokratien durchaus andere Formen politischer Accountability für sich in Anspruch nehmen können. Wir untersuchen die Rechenschaftspflicht staatlicher Akteure und politischer und intellektueller Eliten, und beobachten dabei die Reaktionen politischer Führer auf die Forderungen der BürgerInnen. Wir erforschen, ob Autokratien Strategien anwenden, um lokale Wahlen, soziale Bewegungen, Proteste, Petitionen und andere Formen der Teilhabe einzuschränken oder ob sie bestimmte Partizipationsformen als Möglichkeiten zur Steigerung der Accountability und Legitimität ihres Regimes ansehen.

Der Forschungsschwerpunkt arbeitet mit kontext-sensitiven Forschungsansätzen, die systematisch-vergleichende Analysen anwenden und leistet so einen Beitrag zur Weiterentwicklung der vergleichenden Regionalstudien. Seine Mitglieder stehen in akademischem Austausch mit WissenschaftlerInnen in den vier Forschungsregionen des GIGA und haben zum Ziel, Forschungstrends in den Entwicklungsländern dieser Regionen mit denen der westlichen Industrieländer zu verknüpfen. Darüber hinaus stellt der Forschungsschwerpunkt zivilgesellschaftlichen Organisationen und EntscheidungsträgerInnen forschungsbasierte Expertise zu relevanten sozialen und politischen Ereignissen zur Verfügung.

Dr. Mariana Llanos

Lead Research Fellow
Leitung FSP 1
mariana.llanos@giga-hamburg.de

Neue Publikationen

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Vietnam

in: Akihiro Ogawa (ed.), Routledge Handbook on Civil Society in Asia, Abingdon: Routledge, 2018, 129-142