Thomas Richter / Diego Farren / Rebecca Endtricht / Janosch Kleinschnittger / Jannik M. K. Fischer / Katrin Brettfeld / Peter Wetzels
Kapitel in Sammelband | 2026
Muslimfeindlichkeit ist in Deutschland weitverbreitet. Rund 30 % der Befragten der MiDInt-Studien äußern ablehnende Einstellungen gegenüber Muslim:innen in Form einer manifesten Muslimfeindlichkeit. Dieser Wert hat sich seit April 2023 stetig erhöht. Jüngere Menschen und Personen mit höherem Bildungsniveau weisen niedrigere Prävalenzen auf, während ältere Bevölkerungsgruppen sowie Wähler:innen der AfD und des BSW überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte zeigen. Multivariate Analysen verdeutlichen, dass Muslimfeindlichkeit weniger durch objektive Lebensumstände als durch individuelle Wahrnehmungs- und Deutungsmuster geprägt ist. Individuelle Belastungen sind nicht direkt mit Muslimfeindlichkeit assoziiert. Entscheidend ist vielmehr, ob solche Belastungen zu anomischer Verunsicherung oder zu einer stärkeren Anfälligkeit für Verschwörungsglauben führen. Wichtiger als sozioökonomische Deprivation ist zudem der Einfluss von wahrgenommener institutioneller Marginalisierung. Personen, die sich von Behörden, Gerichten, Polizei oder politischen Institutionen ungerecht behandelt oder nicht ernst genommen fühlen, weisen deutlich häufiger muslimfeindliche Einstellungen auf. Institutionelle Marginalisierung wirkt damit stärker und unmittelbarer auf Muslimfeindlichkeit als sozioökonomische Deprivation. Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass Muslimfeindlichkeit in Deutschland nicht unmittelbar ein Problem ist, das aus einem Gefühl sozioökonomischer Belastungen heraus entsteht. Vielmehr sind es negative Erfahrungen mit staatlichen Institutionen, ein Gefühl allgemeiner Verunsicherung sowie der Glaube an Verschwörungserzählungen, die zu manifester Muslimfeindlichkeit beitragen. Maßnahmen zur Reduzierung muslimfeindlicher Einstellungen sollten sich daher zunächst auf drei Bereiche konzentrieren: Erstens, das Vertrauen in staatliche Institutionen stärken. Zweitens, Strategien entwickeln, mit denen individuelle Verunsicherung – insbesondere im Rahmen gesellschaftlicher Krisen – aufgefangen und idealerweise beseitigt werden kann. Drittens, Ansätze entwickeln, die einer Verbreitung von Verschwörungserzählungen entgegentreten. Zusammengenommen verweisen unsere Ergebnisse darauf, dass Muslimfeindlichkeit vor allem dort abgebaut werden kann, wo Menschen sich ernst genommen fühlen, Orientierung und Sicherheit finden und nicht auf vereinfachende oder verschwörungsideologische Deutungen angewiesen sind.
MOTRA-Monitor 2024/25
Uwe Kemmesies
Peter Wetzels
Beatrix Austin
Christian Büscher
Friederike Grube
Swen Hutter
Thomas Richter
Diana Rieger
Sebastian Sobota
MOTRA
142-166
978-3-911329-02-6
Wiesbaden



