GIGA Talk
26.03.2026
17:00 Uhr (MEZ)
18:30 Uhr (MEZ)





Im zweiten Jahr nach Assad steht Syrien an einem Scheideweg: Gelingt der Übergangsregierung unter Interimspräsident Sharaa die Reform des Sicherheitssektors, oder droht das Land in neuerliche Gewalteskalation abzugleiten?
Die Herausforderungen sind immens: Die neuen syrischen Sicherheitskräfte entstanden aus rivalisierenden Rebellengruppen und deren Integration stockt. In Nord- und Nordostsyrien beendete die Armee Anfang des Jahres 2026 de facto die über ein Jahrzehnt bestehende, kurdisch dominierte Autonomie – mit weitreichenden Folgen für ethnische Minderheiten und die regionale Stabilität. Hinzu kommt der Einfluss externer Akteure wie USA, Israel und Türkei.
Dieser GIGA Talk analysierte die Sicherheitslage aus verschiedenen Perspektiven: der Übergangsregierung, der Zivilgesellschaft sowie religiöser und ethnischer Minderheiten. Dr. Muriel Asseburg und Dr. André Bank berichteten von ihren jüngsten Recherchen vor Ort und diskutierten mit Farhad Ahma und Dr. Stefan Schneck, welche Einflussmöglichkeiten Europa und Deutschland haben.
Die Kernaussagen der Diskussion
1) politischer Kontext von der Security Sector Reform (SSR) in Syrien:
post-Assad-Stabilisierung seit Dezember 2024 durch Übergangsregierung dominiert von (vormaliger) Hay'at Tahrir al-Sham (HTS)/sunnitischen Islamisten
Zielsetzung: Gewaltkontrolle über Gesamtgebiet (zunächst jenseits der Besatzungen in Syrien durch Israel (ISR) und der Türkei (TÜR)
2) Umgang mit religiösen & ethnischen Minderheiten:
ausschließlich repressiv gegen Alawiten im März 2025 (massive Gewalt & Rache), minimale Integration von Alawiten in Armee; Resultat: 1400 Tote & autoritäre Friedhofsruhe in Küstenregion
primär repressiv gegen Drusen, v.a. im Juli 2025; Resultat: gut 1500 Tote, Vertreibung & drusische Autonomie in Suwaida
primär repressiv, teils kooptativ gegen Kurden/kurdisch dominierte Syrian Democratic Forces (SDF) ab Winter 2026; Resultat: weitgehende Kontrollübernahme von Nord(ost)syrien durch Übergangsregierung; besonders komplexer Prozess: wirtschaftlich, kulturell, bildungspolitisch
v.a. im Osten auch Herausforderung durch den Islamischen Staat (IS)
3) Stand SSR:
130 bewaffnete Milizen in syrische Armee integriert (abgeschlossen bis auf Kurden & Drusen)
Kommandeure großteils politisch nahe bei HTS & Syrian National Army (SNA) (teils auch TÜR)
durch größere Bataillons- & Gruppenintegration unklare Befehlsketten (unklare command & control)
4) Herausforderungen für SSR in Syrien:
starker ethno-konfessioneller Diskurs
undiszipliniertem Verhalten kaum nachgegangen (Menschenrechtsverletzungen; Rolle von radikal-islamistischen Foreign Fighters)
bei Demobilisierung fast keine Perspektiven für ehemalige Kämpfer
weiterhin fragile Sicherheitslage (u.a. Erstarken des IS, Drogen- und Waffenschmuggel)
externe Einmischung, v.a. TÜR & SNA sowie ISR & Drusen
5) Zentrale Politikempfehlungen für Deutschland und die EU:
kein Fokus auf SSR im engeren Sinne; maximal mittelfristig bei Ausbildung von Polizeikräften, eher nicht bei Armee & Geheimdienst
Fokus mehr auf politisch-institutionellen Kontext mit Hilfe von starken, finanziellen Konditionalitäten: Druck auf Übergangsregierung, inklusive Prozesse auch bei Verfassungsentwicklung, Parteien-, Wahl- & Dezentralisierungsgesetzen zu achten & Zivilgesellschaft & religiös-ethnischer Minderheiten einzubinden
Schwerpunkt auf Übergangsjustiz; besonders Stärke & Glaubwürdigkeit von Deutschland im Bereich Dokumentation & Strafverfolgung von Menschenrechtsverletzungen - auch wichtig für Verfolgung von Fehlverhalten in neuer syrischer Armee
Druck auf D-/EU-Partner ISR & TÜR, sich aus Syrien zurückzuziehen & innersyrische Transformation nicht zu behindern
Referent:innen: Dr. Muriel Asseburg ist Senior Fellow an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Sie forscht zum Israel-Palästina-Konflikt, zu Syrien sowie zur europäischen Nahostpolitik.
Dr. André Bank ist Senior Research Fellow am GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg. Er forscht zu Autoritarismus und Konfliktdynamiken, u.a. mit Fokus auf Syrien.
Farhad Ahma leitet PÊL-Civil Waves, eine Nichtregierungsorganisation, die die Rolle verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, insbesondere von Jugendlichen und Frauen, im politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben Syriens stärken möchte.
Dr. Stefan Schneck ist Botschafter und Sonderbeauftragter für Syrien im Auswärtigen Amt.
Moderator:in: Dr. Christiane Fröhlich ist Lead Research Fellow am GIGA-Institut für Nahost-Studien und leitet den Forschungsschwerpunkt “Frieden und Sicherheit” am GIGA.
Das Event hat auf Deutsch stattgefunden.
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