GIGA Insights | 29/01/2026

Neue Nähe: Das von Indien und der EU unterzeichnete Freihandelsabkommen steht für mehr

Nach langen Verhandlungen gab es in dieser Woche einen Durchbruch im Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU. Angesichts der jüngsten US-Drohungen mit neuen Zöllen und der stockenden Ratifizierung des EU‑Mercosur-Abkommens kommt die Einigung zur rechten Zeit. GIGA-Experte Dr. Johannes Plagemann ordnet die handelspolitische und geopolitische Bedeutung des Abkommens ein.


  • Der Zeitpunkt war gut gewählt: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Antonio Costa besuchten als Ehrengäste die Militärparade anlässlich des indischen Nationalfeiertags am 26. Januar. Eine Premiere für die EU-Spitze. Am Tag darauf wurde die Einigung über ein historisches Freihandelsabkommen zwischen dem Staatenbund und Indien verkündet. Das von beiden Seiten als „Mutter aller Deals“ bezeichnete Abkommen betrifft rund 2 Milliarden Menschen. Es verbindet die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt mit Europa. Und es kommt gerade rechtzeitig, um die Handlungsfähigkeit beider Seiten im Angesicht von Zoll-Drohungen aus den USA und den Verzögerungen bei der Ratifizierung des Abkommens der EU mit Mercosur nachzuweisen.

    Tatsächlich dürfte die Trump-Regierung ein wesentlicher Faktor dabei gewesen sein, dass das Abkommen fast 20 Jahre nach dem Beginn von Verhandlungen über die Ziellinien geschafft hat. Für die EU – und insbesondere die großen Mitgliedsstaaten wie Deutschland – ist die Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Indien ein wesentlicher Baustein für mehr Unabhängigkeit von den USA. Trumps Forderungen nach einer Einverleibung Grönlands und damit verbundene Zolldrohungen haben die Dringlichkeit dessen nochmal unterstrichen. Das gleiche gilt für Indien, das wider Erwarten besonders hart von der erratischen Zollpolitik aus Washington getroffen wurde. Auch die verschärfte Migrationspolitik Trumps und dessen Sympathien für den Erzrivalen Pakistan stellen die lange als ausnehmend stabil geltenden Beziehungen zwischen Indien und den USA auf eine harte Probe.

    Aber das Abkommen mit der EU war kein Selbstläufer. Nach einem unerwartet schwachen Abschneiden der Regierungspartei BJP bei den Parlamentswahlen 2024 stand Premierminister Modi innenpolitisch unter Druck. Internationale Handelsvereinbarungen sind umstritten in Indiens politischer Landschaft mit stark protektionistischen Tendenzen, auch in der Regierungspartei BJP. In der Welthandelsorganisation gilt Indien seit jeher als besonders schwieriger Verhandlungspartner. Dem großen asiatischen Freihandelsabkommen RCEP ist Indien 2019 nicht beigetreten. Und der vergleichsweise nationalistischen indischen Öffentlichkeit gegenüber ist die EU als Staatenbund nicht leicht als strategischer Partner zu vermitteln, im Gegensatz etwa zu Frankreich, dessen Präsidenten schon sechs Mal als Ehrengäste der Militärparade am Republic Day beiwohnten.

    Dennoch, der gegenwärtige internationale Kontext ebenso wie die Ausgestaltung des Abkommens mit der EU selbst dürften eine Ratifizierung beider Seiten deutlich vereinfachen: Besonders strittige Bereiche sind von vorneherein ausgeklammert worden und viele Zollsenkungen erstrecken sich über längere Zeiträume. Hinzu kommt: Premierminister Modi steht Anfang 2026 innenpolitisch weniger unter Druck als noch vor einem Jahr. Ohnehin ist das Abkommen in Indien bislang medial äußerst positiv aufgenommen und von der indischen Regierung geradezu euphorisch gefeiert worden. Auf europäischer Seite wiederum gilt: im Gegensatz zu früher meint man, es sich aus geopolitischen Gründen nicht mehr leisten zu können, im Umgang mit Staaten wie Indien auf die Einhaltung von Menschenrechten und demokratischen Standards zu pochen. Das dürfte in den Verhandlungen mit Indien geholfen haben. Schließlich ist das Land seit Amtsantritt Modis 2014 in allen gängigen Demokratieindizes abgerutscht.

    Ein echter Durchbruch also. Schon jetzt ist die EU – mit China und den USA – einer der drei wichtigsten Handelspartner Indiens. Das Abkommen soll europäische Exporte nach Indien in den nächsten sechs Jahren verdoppeln helfen. Und Europa ist nicht nur auf der Suche nach mehr Unabhängigkeit von den USA. Auch die wirtschaftliche Abhängigkeit von China ist längst zur Bedrohung geworden. Zwar wird Indien China gerade für deutsche Unternehmen nicht vollständig ersetzen können und auch Indiens Wirtschaft bleibt absehbar abhängig vom Handel mit China. Aber das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien trägt zum Stimmungsumschwung bei. Indien ist ein – wenn nicht der – wesentliche Zukunftsmarkt für die europäische Industrie. Kein Wunder, dass der deutsche Verband der Automobilindustrie das Abkommen als wichtigen Schritt begrüßt. Die Einschätzung ist richtig, denn das Abkommen markiert nicht das Ende, sondern die Fortsetzung des Verhandlungsprozesses, bietet aber schon jetzt Planungssicherheit. Weitere Abkommen zu bislang ausgeklammerten Bereichen sollen folgen. Auch gesellschaftlich dürften sich Europa und Indien näherkommen. So ist die indische Diaspora in Deutschland in den letzten Jahren sprunghaft gewachsen, indische Studierende machen den größten Anteil aller ausländischen Studierenden in Deutschland aus. Eine parallel zum Handelsabkommen verabschiedete Vereinbarung zur Arbeitsmigration ist besonders im Interesse Indiens gewesen. Die europäische Forschungsförderung hat die Kooperation mit Indien in den Blick genommen.

    Genauso wichtig wie die handelspolitische Signalwirkung ist dessen geopolitische Bedeutung. Ein Sicherheits- und Verteidigungsabkommen wurde zeitgleich verabschiedet. Es verspricht den gemeinsamen Einsatz für die in der Charta der Vereinten Nationen festgehaltenen Prinzipien und betont die Verlässlichkeit der Partnerschaft. Die Rüstungskooperation zwischen Indien und europäischen Staaten hat sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt, wie das geplante deutsch-indische U-Boot-Joint Venture von thyssenkrupp Marine Systems und Mazagon Dock Shipbuilder illustriert. Auch als Rüstungsexporteur ist Indien für Europa in den letzten Jahren interessanter geworden. Wenngleich Indiens traditionell enge rüstungspolitische Beziehungen zu Russland weiterhin ein Stolperstein sind – Indien bietet sich als sicherheits- und rüstungspolitischer Partner schon allein deshalb an, weil es absehbar keine direkte Bedrohung für Europa darstellt. Im Gegenteil, im Indo-Pazifik überschneiden sich die Interessen an freien Handelswegen und der Verteidigung nationaler Grenzen. Der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit von den USA und China in Indien ebenso wie in Europa verspricht eine weitere Dynamisierung der Beziehungen.

    Monograph | Oxford University Press | 2025

    Populism and Foreign Policy

    In this book, Prof. Sandra Destradi and GIGA-researcher Johannes Plagemann develop a novel theory of populism and foreign policy. The use of foreign policy for domestic mobilization and the personalization of decision making are key to explain different intensities of foreign policy change.

    Prof. Dr. Sandra Destradi

    Former Associate

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