GIGA Focus Nahost

Die Türkei und die Arabische Revolte: Regionalpolitischer Auf- oder Abstieg?

GIGA Focus | Nahost | Nummer 09 | | ISSN 1862-3611

Am 20. September 2011 sprach sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan bei einem Treffen mit US-Präsident Barack Obama in New York erneut für ein Ende der Herrschaft Bashar al-Asads in Syrien aus. Seit dem Scheitern der letzten türkischen Vermittlungsinitiative am 9. August 2011 ist Ankara dazu übergegangen, offiziell einen Regimewechsel in Damaskus zu fordern.

Analyse
Die Arabische Revolte verändert seit Ende 2010 auch die nahöstliche Regionalordnung und beeinflusst zudem das Potenzial einzelner Staaten dahingehend, ob sie regionalpolitisch eine Chance haben, aufzusteigen oder ob ihnen eher ein Abstieg droht. Unter der AKP-Regierung von Ministerpräsident Erdoğan geriert sich die Türkei dabei einerseits als Vorbild für die arabischen Transformationsländer, andererseits ist ihre Regionalpolitik von Widersprüchen gekennzeichnet.

  • Die türkische Nahostpolitik unter der AKP wird von Zielen des Wirtschafts- und Handelsausbaus sowie der "soft-power"-Generierung geleitet. Da das erste Anliegen Stabilität und die Zusammenarbeit mit autoritären Regimen voraussetzte, das zweite durch Erdoğans Populismus immer wieder Instabilität produzierte, wurden bereits vor 2011 Zielkonflikte sichtbar.

  • Zu Beginn der Arabischen Revolte befürwortete die türkische Regierung das Ende des Mubarak-Regimes in Ägypten. In Libyen verhielt sie sich aufgrund wirtschaftlicher Verflechtungen hingegen deutlich vorsichtiger und rückte erst im Verlauf der Zeit von Qaddafi ab.

  • Für die Türkei stellt Syrien regionalpolitisch die größte Herausforderung dar. Mit einer Doppelstrategie aus direkten Angeboten an Asad bei gleichzeitigem Hofieren von Teilen der Opposition konnte sie bis August 2011 verschiedene Gesprächskanäle offen halten.

  • Zusammen genommen lässt sich die vermeintliche "Sprunghaftigkeit" der türkischen Regionalpolitik als weithin erfolgreiche Anpassung an die unterschiedlichen Transformationsprozesse der Arabischen Revolte bilanzieren. Gepaart mit Erdoğans Populismus dürfte die Türkei auch aufgrund dieses Pragmatismus zumindest kurzfristig eine herausragende Stellung im Nahen Osten einnehmen.

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Vorgeschlagene Zitierweise

Bank, André (2011), Die Türkei und die Arabische Revolte: Regionalpolitischer Auf- oder Abstieg?, GIGA Focus Nahost, 09, urn:nbn:de:0168-ssoar-289121

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Das GIGA German Institute of Global and Area Studies – Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg gibt Focus-Reihen zu Afrika, Asien, Lateinamerika, Nahost und zu globalen Fragen heraus. Der GIGA Focus wird vom GIGA redaktionell gestaltet. Die vertretenen Auffassungen stellen die der Autoren und nicht unbedingt die des Instituts dar. Die Autoren sind für den Inhalt ihrer Beiträge verantwortlich. Irrtümer und Auslassungen bleiben vorbehalten. Das GIGA und die Autoren haften nicht für Richtigkeit und Vollständigkeit oder für Konsequenzen, die sich aus der Nutzung der bereitgestellten Informationen ergeben. Auf die Nennung der weiblichen Form von Personen und Funktionen wird ausschließlich aus Gründen der Lesefreundlichkeit verzichtet.

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Dr. André Bank

Komm. Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien

Dr. André Bank ist Senior Research Fellow am GIGA Institut für Nahost-Studien. Seine Forschung richtet sich auf Autoritarismus, Konfliktdynamiken, Zwangsmigration sowie die Wissensproduktion in Sozialwissenschaften und Regionalstudien.

Aktuelle Publikationen der AutorInnen

André Bank

Hashemite Kingdom of Jordan

in: (ed.), Government and politics of the Middle East and North Africa, London: Routledge , forthcoming

André Bank / Kurt Weyland (eds.)

Authoritarian Diffusion and Cooperation: Interests vs. Ideology

London: Routledge, 2018

André Bank / Christiane Fröhlich

Zwangsmigration im globalen Süden: Die Debatte neu ausrichten

GIGA Focus Global, 03/2018

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Comparative Area Studies and the Study of Middle East Politics after the Arab Uprisings

in: Ariel I. Ahram / Patrick Köllner / Rudra Sil (eds.), Comparative Area Studies: Methodologies Rationales and Cross-Regional Applications, New York/Oxford: Oxford University Press, 2018, 119-129

André Bank / Maria Josua

Gemeinsam stabiler: wie autoritäre Regime zusammenarbeiten

GIGA Focus Global, 02/2017