GIGA Focus Nahost

"Des Kalifen neue Kleider": Der Islamische Staat in Irak und Syrien

GIGA Focus | Nahost | Nummer 06 | | ISSN 1862-3611

Am 9. Juni 2014 drangen Kämpfer des Islamischen Staates im Irak und in Großsyrien (ISIS) von Syrien kommend weit in den Irak ein. Innerhalb weniger Tage eroberten sie den gesamten Westen des Landes und stießen bis kurz vor Bagdad vor. Am 29. Juni 2014 riefen sie einen „Islamischen Staat“ und ein Kalifat aus.

Analyse
Erstmals kontrollieren Dschihadisten ein zusammenhängendes, grenzüberschreitendes Territorium im Nahen Osten. Mit der Ernennung ihres Anführers, Abu Bakr al-Baghdadi, zum Kalifen, das heißt zum religiösen und politischen Oberhaupt aller Muslime, dürften sie sich allerdings ideologisch und politisch übernommen haben.

  • Der schnelle Erfolg des ISIS im Irak hat mehrere Ursachen: Der Irak ist politisch und ethnisch fragmentiert und in Teilen ohne zentralstaatliche Macht. ISIS verfügte bereits über eine territoriale Basis in Syrien, enorme Ressourcen an Waffen, Geld und Kriegern sowie irakische Bündnispartner im Kampf gegen die unpopuläre Regierung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki in Bagdad.

  • Mit der Übernahme des frühislamischen Konzeptes vom Kalifat appelliert ISIS an die Sehnsucht vieler Muslime nach kultureller Authentizität, religiöser Reinheit und politischer Einheit. Diese Versprechen erfüllt er jedoch nicht, da sein brutales Vorgehen selbst viele sunnitische Muslime verschreckt, die zu verteidigen er vorgibt.

  • Das Kalifat beinhaltet einen politischen und religiösen Alleinvertretungsanspruch, den weder die bestehenden muslimischen Staaten noch die meisten sunnitischen religiösen Autoritäten akzeptieren werden.

  • Der ISIS-Vormarsch hat die Fragmentierung des Irak verschärft, und er könnte das Ende des Einheitsstaates beschleunigen. Eine Aufspaltung in ethnisch-konfessionelle Einzelstaaten wird die strukturellen Probleme des Landes jedoch nicht lösen, sondern sie nur multiplizieren.

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Vorgeschlagene Zitierweise

Rosiny, Stephan (2014), "Des Kalifen neue Kleider": Der Islamische Staat in Irak und Syrien, GIGA Focus Nahost, 06, August, urn:nbn:de:0168-ssoar-394927

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Das GIGA German Institute of Global and Area Studies – Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg gibt Focus-Reihen zu Afrika, Asien, Lateinamerika, Nahost und zu globalen Fragen heraus. Der GIGA Focus wird vom GIGA redaktionell gestaltet. Die vertretenen Auffassungen stellen die der Autoren und nicht unbedingt die des Instituts dar. Die Autoren sind für den Inhalt ihrer Beiträge verantwortlich. Irrtümer und Auslassungen bleiben vorbehalten. Das GIGA und die Autoren haften nicht für Richtigkeit und Vollständigkeit oder für Konsequenzen, die sich aus der Nutzung der bereitgestellten Informationen ergeben. Auf die Nennung der weiblichen Form von Personen und Funktionen wird ausschließlich aus Gründen der Lesefreundlichkeit verzichtet.

Gesamtredaktion GIGA Focus: Dr. Sabine Kurtenbach
Redaktion GIGA Focus Nahost: Prof. Dr. Henner Fürtig

Dr. Stephan Rosiny ist Politik- und Islamwissenschaftler. Seit 2010 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im GIGA Institut für Nahost-Studien. Er leitete ein von der VolkswagenStiftung gefördertes Drittmittelprojekt zu „Machtteilung in multiethnischen Gesellschaften des Nahen Ostens“. Seine Forschungsschwerpunkte sind zudem auf Islamismus sowie Gewalt und Religion im Nahen Osten ausgerichtet.

Aktuelle Publikationen der AutorInnen

Stephan Rosiny / Thomas Richter

Der Arabische Frühling und seine Folgen

Informationen zur politischen Bildung: Naher Osten, 331, 2016, 68-81

Rustum Mahmoud / Stephan Rosiny

Opposition visions for preserving Syria’s ethnic-sectarian mosaic

British Journal of Middle Eastern Studies, online first, 2016, 1-20

Stephan Rosiny / Thomas Richter

Der Arabische Frühling: Missverständnisse und Perspektiven

GIGA Focus Nahost, 04/2016