GIGA Focus Nahost ,

Ein Jahr nach dem Gazakrieg: ist der Nahe Osten noch arabisch?

GIGA Focus | Nahost | Nummer 12 | | ISSN 1862-3611

Der 27. Dezember 2009 markiert den ersten Jahrestag des Beginns des Gazakriegs. Der bis dato letzte Akt im israelisch-palästinensischen Gewaltkonflikt verdeutlicht eine Entwicklung, die weit über den kleinen Küstenstreifen am Mittelmeer hinausgeht. Regionalpolitisch verdeutlicht er vor allem die gestiegene Bedeutung von arabisch-islamistischen Organisationen wie Hamas und Hisbollah und untermauert die generelle Kräfteverschiebung der nahöstlichen Ordnung zulasten traditioneller Akteure wie Ägypten und Saudi-Arabien.

Analyse
Der Gazakrieg 2008/09 manifestiert den aktuellsten Ausdruck des Wandels regionaler Ordnung im Nahen Osten, der sich bereits im Kontext der Kriege im Irak nach dem Jahr 2003 sowie im Libanon im Jahr 2006 festmachen ließ.

  • Zu den grundlegenden Ordnungsstrukturen im heutigen Nahen Osten konkurrieren liberale, konfessionalistische und neorealistische Perspektiven. Diese stimmen jedoch darin überein, dass dem arabischen Nationalismus regionalpolitisch gegenwärtig keinerlei Bedeutung mehr zukommt.

  • Doch statt eines generellen Niedergangs ist vielmehr ein Formenwandel des arabischen Nationalismus hin zu einem gesellschaftszentrierten politischen Arabismus zu beobachten. Dieser basiert auf der wachsenden Kluft zwischen autoritären Regimen und großen Teilen der Bevölkerungen sowie auf der Herausbildung einer arabisch-islamischen Öffentlichkeit im Nahen Osten.

  • Erst vor diesem Hintergrund lassen sich drei zentrale Dynamiken der gegenwärtigen Regionalordnung im Nahen Osten erfassen: (1) Die zunehmende Vielfalt regionalpolitisch einflussreicher Akteure, zu denen aktuell auch arabisch-islamistische Organisationen, kleine Golfstaaten wie Katar sowie die nicht arabischen Staaten Iran und Türkei gehören, (2) die Polarisierung innerarabischer Beziehungen zwischen Status-quo-Kräften und Herausforderern sowie (3) die diskursive Rahmung regionaler als arabische Politik sowie die "Sonderrolle" des Iran und der Türkei.

GIGA-Forschung zum Thema

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Vorgeschlagene Zitierweise

Bank, André, und Morten Valbjørn (2009), Ein Jahr nach dem Gazakrieg: ist der Nahe Osten noch arabisch?, GIGA Focus Nahost, 12, urn:nbn:de:0168-ssoar-273982

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Das German Institute for Global and Area Studies (GIGA) – Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg gibt Focus-Reihen zu Afrika, Asien, Lateinamerika, Nahost und zu globalen Fragen heraus. Der GIGA Focus wird vom GIGA redaktionell gestaltet. Die vertretenen Auffassungen stellen die der Autorinnen und Autoren und nicht unbedingt die des Instituts dar. Die Verfassenden sind für den Inhalt ihrer Beiträge verantwortlich. Irrtümer und Auslassungen bleiben vorbehalten. Das GIGA und die Autorinnen und Autoren haften nicht für Richtigkeit und Vollständigkeit oder für Konsequenzen, die sich aus der Nutzung der bereitgestellten Informationen ergeben.

Gesamtredaktion GIGA Focus: Prof. Dr. Sabine Kurtenbach
Redaktion GIGA Focus Nahost: Dr. Thomas Richter

Dr. André Bank ist Senior Research Fellow am GIGA Institut für Nahost-Studien. Er war Sprecher des Forschungsnetzwerks „International Diffusion and Cooperation of Authoritarian Regimes“ (IDCAR), das in den Jahren von 2014 bis 2019 von der Leibniz-Gemeinschaft gefördert wurde. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Autoritarismus, Konfliktdynamiken und regionale Ordnung im Nahen ­Osten.

Aktuelle Publikationen der AutorInnen

Lea Müller-Funk / Christiane Fröhlich / André Bank

State(s) of Negotiation: Drivers of Forced Migration Governance in Most of the World

GIGA Working Paper, No. 323, August 2020

André Bank

Hashemite Kingdom of Jordan

in: Sean Yom (ed.), Government and politics of the Middle East and North Africa, London: Routledge , 2020, 377-408

André Bank / Kurt Weyland (eds.)

Authoritarian Diffusion and Cooperation: Interests vs. Ideology

London: Routledge, 2018