GIGA Focus Nahost

"Herr Präsident, ihr Volk stirbt!" Protestmusik und politischer Wandel in Nordafrika/Nahost

Nummer 9 | 2012 | ISSN: 1862-3611


  • Trotz der Umbrüche in der arabischen Welt seit Anfang 2011 gibt es immer noch staatliche Repression gegen Journalisten, Künstler und Musiker, die politische und wirtschaftliche Missstände anprangern. Im Sommer 2012 verhinderten zudem Salafisten in Tunesien mehrfach Musikveranstaltungen, weil sie ihrer Meinung nach „unislamisch“ seien. Die mit dem "Arabischen Frühling" vor allem bei den Kunstschaffenden verbundenen Hoffnungen auf mehr Freiheit haben sich bislang nicht erfüllt.

    Analyse

    • Die Musik hat in den postkolonialen arabischen Staaten immer auch eine politische Rolle gespielt. Neben die breite Palette der Unterhaltungsmusik trat zum einen der Versuch der jeweiligen Staatsführung oder der Einheitsparteien, mittels "revolutionärer" Lieder die Bevölkerung zugunsten des Nasserismus in Ägypten, der qaddafischen Revolution in Libyen oder des Ba‘thismus in Syrien und Irak zu mobilisieren. Zum anderen diente der Jugend und den unzufriedenen Teilen der Bevölkerung die Musik als Hauptinstrument ihrer Kritik an Unterdrückung und Ungleichheit. Vorreiter in dieser Hinsicht waren die algerische Rai-Musik und die kabylischen Protestlieder von Sängern wie Matoub Lounes. Trotz staatlicher Schikanen und Verfolgung der regimekritischen Musiker erreichten diese Lieder über Musikkassetten ein breites Publikum.

    • Mit Beginn des "Arabischen Frühlings" erlebte die musikalische Protestkultur einen rasanten Aufschwung; revolutionäre Protestlieder wie jene des tunesischen Rappers "El Général" wurden zu mobilisierenden transarabischen Revolutionshymnen.

    • Mit der Konsolidierung der politischen Umbruchprozesse setzten alte Mechanismen der Kontrollobsession und damit auch die erneute Einschränkung der künstlerischen Freiräume ein. Seither nehmen Verurteilungen von Musikern wieder zu.

    • Der Aufschwung der Islamisten in nahezu allen arabischen Staaten verstärkt den öffentlichen Druck gegen „unislamische“ Kunst und Musik. Nach Ansicht der Islamisten steht Musik für Verderbtheit und verkommene Moral, lenke vom Glauben ab und sei daher Sünde.


    Fußnoten



      Forschungsschwerpunkte


      Hanspeter Mattes

      Hanspeter Mattes

      Ehemals Senior Research Fellow




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