Sigrid Faath / Hanspeter Mattes

Der Kampf gegen religiösen Extremismus. Das Fallbeispiel Algerien

Wuqûf-Analyse, 28, 2016
ISBN/ISSN
0948-0951

Zusammenfassung

In Algerien ist der Kampf gegen religiösen Extremismus seit dem gewaltsamen Abbruch der Parlamentswahlen im Januar 1992, mit dem die Regierungsübernahme durch die islamistische Partei Front Islamique du Salut (FIS) verhindert wurde, ein Grundzug der Innen- und Sicherheitspolitik. Die Bekämpfungsstrategie entwickelte sich in mehreren Etappen hin zu einem multisektoriellen Ansatz, der seit 2014 vorangetrieben wird und in die Ausformulierung einer „Strategie gegen religiösen Extremismus“ mündete. Diese Strategie, verkürzt oft als „Deradikalisierungsstrategie“ bezeichnet, wurde von der algerischen Staatsführung offiziell im September 2015 als „Ausdruck einer neuen Etappe“ vorgestellt.

Die Komponenten der Strategie gegen religiösen Extremismus sind analog dem Spektrum an Faktoren, die eine religiöse Radikalisierung vor allem jüngerer Algerier und Algerierinnen begünstigen, breit gefächert. Der langjährig dominierende sicherheitspolitische Ansatz, spielt darin zwar auch weiterhin eine wichtige Rolle, er wurde jedoch durch Maßnahmen in anderen Politikfeldern gestärkt; so unter anderem in den Bereichen Arbeitsplatzbeschaffung, Kultur, Kommunikation/Medien und im Religions- und Bildungssektor.

Die Umsetzung des „nationalen Kampfes gegen religiösen Extremismus“ wird von offizieller algerischer Seite bereits jetzt als erfolgreich bewertet und Religionsminister Aissa erklärte u.a. im April 2016 anlässlich der Eröffnung des Instituts zur Ausbildung von Religionspersonal des Bezirks Illizi, dass Algerien dank der breitgefächerten Anstrengungen den vorbeugenden Kampf gegen religiösen Extremismus gewonnen habe. Noch sind allerdings weder die jihadistischen Gruppen vollständig aufgerieben worden, noch ist die Mehrzahl dieser Gruppen bereit, sich zu deradikalisieren; zudem nehmen salafistische Prediger und Gruppen nach wie vor Einfluss auf die Gesellschaft. Die zur Bekämpfung des religiösen Extremismus zweifellos bedeutenden Maßnahmenbündel, die mit der multisektoriellen Strategie eingeleitet wurden und früher vernachlässigte Bereiche zur Bekämpfung von religiösem Extremismus einbeziehen, werden de facto erst mittel- und langfristig ihre volle Wirkung entfalten können, sofern sie kontinuierlich und in dem geplanten umfassenden Maß umgesetzt werden. Insofern sind mit dem neuen Ansatz wichtige Weichen gestellt worden.

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