Essay

Die vergessenen Kinder von Zentralamerika

Zehntausende Minderjährige aus Honduras, El Salvador und Guatemala flüchten jedes Jahr in die USA. Doch die Gewalt in den Herkunftsländern ist nur eine Ursache für die Migration. Die Jugendlichen haben dort keine Zukunft. Von Sabine Kurtenbach

Nach Angaben der US Grenzbehörden erreichten zwischen Oktober 2013 und Juli 2014 etwa 63.000 minderjährige Flüchtlinge überwiegend Jungen im Alter von 15 bis 17 Jahren aus Honduras, El Salvador und Guatemala die Grenze der USA. Die US-Behörden sind mit diesem Ansturm überfordert, eine sofortige Abschiebung ist mangels gemeinsamer Grenzen unmöglich. Neben der Frage, was mit den Kindern geschehen soll, stellt sich die Frage nach den Ursachen der massenhaften Einwanderung.

An erster Stelle wird die Gewalt in den drei Ländern des zentralamerikanischen Nordens genannt, in denen es zwar keine internen Kriege wie in Syrien oder dem Irak gibt, die aber die weltweit höchsten Mordraten aufweisen. Auch wenn die Gewalt ein wichtiger Faktor ist, ist sie – wie die Migration auch – bloß ein Symptom der umfassenden Entwicklungskrise in den betroffenen Ländern. Trotz Fortschritten in den Bereichen Bildung und Gesundheit haben junge Menschen dort kaum Möglichkeiten zur Bewältigung zentraler Statuspassagen ins Erwachsenenleben wie der wirtschaftliche Unabhängigkeit von den Eltern, geschweige denn zur sozialen Mobilität. Das Überleben in der kriminellen Ökonomie oder die lebensgefährliche Migration durch Mexiko in die USA sind Auswege aus der Blockade.

Kein Job, keine Perspektive

Ein Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen der letzten Jahre verdeutlicht dies. Verbesserungen im Index für menschliche Entwicklung etwa werden von der großen Ungleichheit zunichte gemacht. Die demokratische Öffnung und die Beendigung der Kriege in El Salvador und Guatemala haben daran nichts geändert. Reformen für eine aktivere Sozialpolitik scheiterten am erbitterten Widerstand der traditionellen Eliten.

Junge Menschen finden trotz besserer Ausbildung keine Arbeitsmöglichkeiten in der legalen Ökonomie. In El Salvador beispielsweise verdienen über 50 Prozent der Bevölkerung weniger als den Mindestlohn, der zwischen 50 US-Cent und 1 US-Dollar pro Stunde liegt; gleichzeitig beträgt die Kaufkraft des Mindestlohns im vergleich zu 1970 heute nur noch 30 Prozent. In allen drei Ländern wächst der Anteil der Geldüberweisungen legaler wie illegaler Arbeitsmigranten am Bruttosozialprodukt kontinuierlich und beträgt mittlerweile um die 10 Prozent.

Gewalt im Umfeld der organisierten und unorganisierten Kriminalität bleibt meist ebenso straffrei wie die schweren Menschenrechtsverletzungen der Kriegsjahre, deren Verantwortliche noch heute in Schlüsselpositionen von Regierung und Gesellschaft sitzen.

Obama setzt auf Abschreckung

In den Hearings des US-Senats der letzten Wochen spielten Armut und fehlende soziale Mobilität als Faktoren, die in die illegale Migration treiben, eine große Rolle. Die dagegen empfohlenen Maßnahmen beschränken sich jedoch auf Altbekanntes: Freihandel soll Wirtschaftswachstum schaffen, das dann irgendwann und irgendwie auch den Armen zugute kommt.

Diese Politik ist in den letzten Dekaden aber den überwiegend Reform feindlichen lokalen Eliten zugute gekommen und hat maßgeblich zur Aufrechterhaltung des sehr exklusiven Entwicklungsmodells beigetragen. Die Einkommensverteilung in allen drei Ländern verdeutlicht dies: Während die obersten 20 Prozent der Bevölkerung zwischen 50 und 60 Prozent des Einkommens erzielen, müssen sich die untersten 20 Prozent mit lediglich 1,5 Prozent (Honduras) bzw. 3,5 Prozent (El Salvador) und 3,7 Prozent (Guatemala) begnügen.

Die Schaffung von sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten für junge Menschen steht dagegen auch in der Erklärung von Präsident Obama nach seinem Treffen mit den Präsidenten El Salvadors, Honduras' und Guatemalas an letzter Stelle. Ein Großteil der beantragten Ressourcen zur Bewältigung der aktuellen humanitären Krise soll in Öffentlichkeitskampagnen gegen Migration und zur Sicherung der Grenzen fließen, um potentielle Migranten bereits in den Heimatländern abzuschrecken.

Lehren für Europa

Diese Strategie ist wenig erfolgversprechend, weil dringend notwendige strukturelle Reformen unterbleiben. Die zentralamerikanischen Wirtschaftseliten sind nicht bereit das exklusive Entwicklungsmodell zugunsten größerer sozialer Mobilität zu verändern. Sie benötigen deshalb die legale wie illegale Migration als Sicherheitsventil. Müssten tausende junger Menschen ohne Arbeit und Perspektive in den Ländern bleiben, würden sie zweifelsohne grundsätzliche Veränderungen einfordern. So schafft auch die aktuelle Krise jenseits der Rhetorik keine Perspektiven für die Jugendlichen in Zentralamerika. Der Strom über die Grenzen wird anhalten.

Die europäische Politik sollte sich allerdings hüten, die aktuelle Krise an der Südgrenze der USA als für sie nicht relevant zu betrachten. Auch hier steigt die Zahl minderjähriger Flüchtlinge auch hier gibt es eine Debatte über den Umgang mit ihnen und auch hier tendiert die Politik dazu, die Grenzen abzuschotten statt in Gewaltprävention und Perspektiven für Jugendliche in Nordafrika und dem Nahen Osten zu investieren.


Das GIGA beschäftigt sich im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Gewalt und Sicherheit mit den Ursachen, Auswirkungen und Faktoren der Beilegung unterschiedlicher Formen der Gewalt. Das Forschungsteam Gewalt und öffentliche (Un-)Sicherheit analysiert die Entstehung, die Beteiligung von Jugendlichen und den Umgang mit neuen Formen der Gewalt in Nachkriegsgesellschaften.

Im Forschungsschwerpunkt Legitimität und Effizienz politischer Systeme stehen dagegen Fragen der Legitimität und Partizipation im Vordergrund. Im Rahmen des Forschungsteams Partizipation und Repräsentation im Kontext von Ungleichheit fragt das Projekt Polities beyond Borders danach, wie lateinamerikanische Regierungen versuchen, ihre Migrantinnen und Migranten politisch zu erreichen.

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