Jubiläum

"Die Expertise des GIGA ist eine unschätzbare Ressource"

NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz hat jahrelang für die ARD aus dem Ausland berichtet. Zurück in Hamburg fand er am GIGA, wie er sagt, eine zweite Heimat. Auf dem Senatsempfang zum 50-jährigen Jubiläum des GIGA machte er dem Institut eine Liebeserklärung.

Sehr geehrter Erster Bürgermeister,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Lassen Sie mich einige Bemerkungen über das öffentliche Umfeld von Medien und Forschung sowie über den Stellenwert außenpolitischer Betrachtungen machen. Kritische – und selbstkritische. Ich denke, das ist auch der Grund, warum Sie einen Journalisten, mich, eingeladen haben.

Aber zuerst eine Art persönliche Liebeserklärung.

Als ich 2000 aus dem Ausland, nach zehn Jahren auf dem afrikanischen Kontinent und in der Arabischen Welt, nach Hamburg kam, reizte mich nicht nur die Arbeit beim NDR und der Sendung Weltspiegel. Sondern auch die Tatsache, dass es in Hamburg verschiedene Institutionen gab - das Überseeinstitut und das Orientinstitut - die sich mit außenpolitischen Entwicklungen, mit globalen Herausforderungen und mit strategischen Analysen befassten für jene Winkel der Welt, aus denen ich damals angereist kam. Das gehört für mich bis heute zum "Tor zur Welt", das Hamburg mehr ist als andere Städte.

Versuchen Sie einmal nachzufühlen wie das ist, wenn man jahrelang in Ländern gelebt hat, wo es einen täglichen Existenzkampf gibt. Wo Jahrhundertereignisse wie die Abschaffung der Apartheid durchgekämpft wurden. Und dann kommen sie an und sollen sich über eine deutsche Rentendiskussion aufregen. Oder verstehen, warum andere sich aufregen. Ich verstand erst einmal gar nichts und bestritt die Relevanz der meisten politischen Diskussionen in Deutschland. In der U-Bahn hätte ich jeden Schwarzen umarmen können. Da können Sie vielleicht nachvollziehen, wie die von mir genannten Institute für mich fast zu einer zweiten Heimat wurden. Oder wie meine Kinder heute sagen würden: absolut GIGA!

Und nun ein Blick aufs Wesentliche.

Journalisten sind Vermittler. Wir recherchieren, sammeln und über-bringen Neuigkeiten und ordnen sie ein. Eine wichtige Dienstleistung, nicht weniger und auch nicht mehr, auch wenn sich manche von uns gelegentlich in einer anderen Rolle sehen. In der digitalen Welt haben wir, auch aufgrund der Entwicklung der sozialen Netzwerke, eine gewaltige Menge an neuen Quellen - aber auch an Konkurrenz. Konkurrenz in unserem klassischen Dienstleistungsgeschäft - durch Blogger, Bürgerjournalisten, Facebook-Fans und Twitter-Follower usw. Konkurrenz um Aufmerksamkeit und um Deutungshoheit.

Professionelle Journalisten werden aus Sicht vieler "User" gar nicht mehr benötigt. Denn was im Internet verbreitet wird, gilt vielen per se als wahr und was der Mainstream sagt, wie wir und die Printmedien, als gelenkt, geschönt, beeinflusst. Broadcaster wie wir kämpfen mit Narrowcastern im Netz, den vielen kleinen Teilöffentlichkeiten, die miteinander kommunizieren. Heute gilt: wer wahrgenommen werden will, der muss nicht Wahrheit liefern - der muss einfach liefern: Aktivität ersetzt Relevanz.

Wir Öffentlich-Rechtliche müssen daher alles dafür tun, um unsere Werte weiter in die Öffentlichkeit zu bringen. Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit, Orientierung - das sind unsere Qualitätsversprechen. Sie einzuhalten, bedarf ständiger Anstrengung - und dabei brauchen sie auch einen funktionierenden inneren Kompass.

Nehmen Sie die Auslandsberichterstattung. Wir haben heute unzählige Quellen jenseits der Korrespondentin, des Reporters, die für ihre Arbeit unter immer größerem Zeitdruck stehen. Aber die Seriosität dieser Quellen, wie ich sie vorhin genannt habe, zu überprüfen, kostet immens Zeit. Der Mythos Auslandskorrespondent – der einst, übrigens oft an der Hotelbar "recherchiertes" Agenturwissen als Fait accompli in die Kameras sagte und damit Objektivität vorgaukelte - ist längst tot.

Und bei der Subjektivität, also der Schilderung dessen, was man eben erlebt hat, treten wir wie vorhin angemerkt in Konkurrenz mit weltweiten Smartphone-"Reportern". Dazu kommt: die Zahl der Schauplätze, die wir gar nicht mehr als Augenzeugen besuchen können, wie Syrien, nimmt zu.

Was sich wieder verändern muss: heute ist die Berichterstattung über das was geschieht , extrem schnell - immer wichtiger aber wird, warum es geschieht.

Wir müssen den Menschen das warum wieder klarmachen. Und wir müssen es selbst wieder in den Griff bekommen - als Journalisten. Da haben wir Defizite. Durch das Internet kann zwar jede/r in kürzester Zeit Informationen in einem nie gekannten Ausmaß abrufen. Dokumente und Datenmaterial. Aber eins ist damit nicht gewachsen: das Verständnis dafür, warum Dinge geschehen. Die historische Dimension. Die Kenntnis von sozialen Entwicklungen in Ländern, von denen die einen nur die Wirtschaftsbeziehungen und die anderen höchstens die schöne Altstadt oder den Strand wahrnehmen.

Im GIGA haben und finden wir Partner für unsere Arbeit. Experten, die sich einer Region jahrelang ausführlich widmen. Die uns mit Hintergrunddaten und fundierten Einschätzungen versorgen können - und dies auch live in unseren Sendungen, wie es beispielsweise Henner Fürtig und Andreas Mehler gelegentlich tut. Das ist eine unschätzbare Ressource.

Ganz aktuell wird das deutlich in der Diskussion um die Frage, ob deutsche Außenpolitik "neue Macht und neue Verantwortung" braucht und ob das auch eine militärische Komponente einschließt. In diese Diskussion mischt sich das GIGA mit einem Papier von Hanns Maull ein, mit dem überaus zutreffenden Titel "deutsche Außenpolitik: zwischen Selbstüberschätzung und Wegducken." Es rückt ein paar Dinge zurecht, es liefert Argumente und stellt die richtigen Fragen.

Vor allem erinnert es daran, wem Außenpolitik dient und wozu man eigentlich Diplomatie braucht. Ich empfehle es jedem. Übrigens jedem Journalisten auch deshalb, weil manches selbstkritisch hinterfragen müssen. Maull weist z. B. in der China-Frage darauf hin, dass es irreführend sei, Werte (Menschenrechte) gegen Interessen (wie Aufträge für die Wirtschaft) zu stellen. Genau das aber tun die meisten China-Korrespondenten ritualhaft und, behaupte ich, weil es akzeptiert ist. Außer natürlich von Helmut Schmidt, aber so weit wie er will ich in meinem Verständnis für China nicht gehen...

Die zukünftige Rolle deutscher Außenpolitik, ein abendfüllendes Thema. Nur soviel: niemand wird bestreiten, dass Frank-Walter Steinmeier einen weitaus aktiveren Ansatz verfolgt als sein Vorgänger - und das kann man nur begrüßen. Dennoch darf man sicher auch fragen, inwieweit die Einschätzung russischer Politik im Kanzleramt, aber vor allem auf Seiten der SPD richtig war und warum während monatelanger Demonstrationen auf dem Maidan niemand eine Eskalation auf der Krim und der Ukraine vorausahnte? Dringen Institute wie GIGA und die Politischen Stiftungen nicht durch in die Politik oder werden sie zu wenig wahrgenommen?

Ich sage immer: Schröder hat Putin einst einen "lupenreinen Demokraten" genannt, weil man in Russland die Demokratie mit der Lupe suchen muss...

Andererseits: Hätten wir den Arabischen Frühling voraussehen können und, leider, auch sein Ende? Da haben viele danebengelegen, ich auch. Wir hätten uns mehr Mühe machen müssen, mit den Experten des GIGA in Kontakt zu bleiben. Dann hätten wir eine Ahnung, mehr Ahnung gehabt. Auch wer sich die Fernsehberichterstattung der letzten Jahre zur Entwicklung im Iran ansieht, der stellt fest: stochern im Nebel. Oder: das erzählen, was alle sagen - meist die Amerikaner - dann macht man wenig falsch. Die GIGA-Veröffentlichung "Sanktionen und eine schwierige Wirtschaftslage - Irans Einlenken im Nuklearkonflikt" bietet dagegen jede Menge Handreichung. Nur: man muss sich halt die Mühe machen und es lesen!!

Das bringt mich zu meinem Schlusspunkt: mischen Sie sich mehr ein und gehen Sie proaktiv auf Medien und Öffentlichkeit zu! Die sozialen Netzwerke machen es auch Ihnen einfacher als bisher - verlassen Sie den wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Schöpfen Sie Ihr Potential besser aus!

Wir müssen manchmal mehr nach dem Gold schürfen - aber Sie, das GIGA, dürfen ruhig auch ein bisschen stärker/mehr glänzen. Senden Sie im Netz mehr Signale, informieren Sie stärker über Ihre Recherche-Papiere. Die Zahl der Auslandsredaktionen ist in Hamburg ja größer als irgendwo sonst in Deutschland – nirgendwo gibt es diese Konzentration.

Und gehen Sie auf die jungen Journalistinnen und Journalisten zu, die sich für das Ausland, für die Welt interessieren. Sie glauben gar nicht, wie viele es davon gibt - die haben allerdings die klassischen Wege oft verlassen. Die versuchen, ihre Themen über Crowdfunding zu realisieren und, von der Öffentlichkeit bezahlt, in die Öffentlichkeit zu tragen. Die sind dankbar für Themenfundgruben wie Sie sie bieten. Einige der großen Stiftungen widmen sich dem interkulturellen Dialog und schicken gerade junge Medienleute in andere Länder. Versuchen Sie im GIGA, diesen Rüstzeug mitzugeben, damit sie nicht nur vor Ort erfahren, wie es sich lebt und wie gedacht wird, sondern ein wissenschaftlich fundiertes ergänzendes Bild bekommen.

Ich wünsche Ihnen dafür viel Erfolg!

Die Rede hat Andreas Cichowicz auf dem Senatsempfang anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des GIGA am 10. April 2014 im Rathaus Hamburg gehalten.

Andere News

Journal |

Diese Ausgabe beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Genderdiskurs in Afrika, Nachhaltigkeit in der Schnittblumenindustrie Kenias, die politische Situation nach Mugabes Sturz in Zimbabwe und vielem mehr.

Journal |

Diese Ausgabe beschäftigt sich mit der Rolle des Militärs und paramilitärischer Gruppen in Lateinamerika, die Lockerung von Amtszeiten in Argentinien, Anti-Regierungsprotesten und mehr.