Essay

Chinas steiniger Weg zum neuen Wirtschaftsmodell

Von Krise kann in China keine Rede sein, doch zweistellige Wachstumsraten sind Geschichte - analysieren Margot Schüller und Yun Schüler-Zhou in einem Gastbeitrag im Magazin Capital.

Seit 2010 sinkt Chinas Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) kontinuierlich. Im Vergleich zum damaligen Jahresdurchschnitt von 12,4 Prozent erscheint der Rückgang des Wachstums auf 7,4 Prozent im ersten Quartal 2014 besonders dramatisch. Allerdings war das zweistellige Wachstum mit überwiegend kreditfinanzierten Investitionen erkauft worden. Nach Berechnungen der Welt­bank stieg der Anteil der Anlageinvestitionen am BIP nach Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise von rund 35 Prozent auf 50 Prozent, während der Anteil des privaten Konsums entsprechend zurückging. Die schnelle Expansion der Geldmenge und Bankkredite führte zum Immobilienboom und zur enormen Ausweitung der Produktionskapazitäten.

Das investitionsgetriebene Wachstumsmodell ist an seine Grenzen gestoßen und erforderte eine grundlegende Restrukturierung. Grundlage hierfür ist der Parteibeschluss von November 2013: Chinas Wachstum soll künftig stärker binnenmarktorientiert, nachhaltiger und innovativer werden. Mehr Markt und Privatwirtschaft sollen bürokratische Intervention und Staatsunternehmen ersetzen. Weniger Korruption und Vetternwirtschaft sind weitere zentrale Eckpfeiler des neuen Reformprogramms.

Die ehrgeizigen Ziele der Restrukturierung, des Abbaus von Überkapazitäten und des Wechsels von einem quantitativen auf einen qualitativen Wachstumspfad sind jedoch nicht einfach und schnell zu erreichen. Daher soll ein langsameres Wachstum in den kommenden Jahren den notwendigen Spielraum für die Strukturanpassungen schaffen. Allerdings sind die Bremsspuren der Neuausrichtung bereits sichtbar. Kein neues Konjunkturpaket, nur selektive Stimuli

Kein neues Konjunkturpaket, nur selektive Stimuli

Ungewohnt niedrige Wachstumsraten kennzeichnen die aktuelle Entwicklung im produzierenden Gewerbe, im Bausektor und bei den Exporten. Vor allem in solchen Regionen, in denen Exportunternehmen aufgrund gestiegener Löhne, wachsender Konkurrenz durch Billiglohnländer und gesunkener Nachfrage in die Krise geraten sind, herrscht eine gedämpfte Stimmung. Die Lokalregierungen dort leiden unter sinkenden Steuereinnahmen, die durch den Einbruch im Immobiliensektor weiter zurückgehen.

Wiederholt hat die Zentralregierung in den letzten Wochen jedoch betont, dass es kein neues Konjunkturprogramm geben wird. Lediglich eine Stabilisierung des Außenhandelswachstums durch strukturelle Anpassungen wird angestrebt: Mehr Exporte der verarbeitenden Industrie mit niedriger Umweltbelastung, mehr Dienstleistungshandel. Die unter Druck stehende Exportindustrie wird weder durch Subventionen noch durch eine Abwertung des Wechselkurses geschützt.

Zudem hat die Zentralregierung den Provinzregierungen signalisiert, dass es keine landesweite Rücknahme der restriktiven Maßnahmen im Immobiliensektor geben wird. Nur lokal begrenzt sind in ausgewählten Städten Lockerungsmaßnahmen möglich.

Reformen im Finanzsektor setzen auf mehr Markt bei der Kreditvergabe mit einer Liberalisierung der Zinssätze und Gründung privater Banken. Die ersten fünf privateigenen Banken genehmigte die Regierung bereits für die Städte und Provinzen Tianjin, Shanghai, Zhejiang und Guangdong. Gleichzeitig soll durch die Öffnung des Staatssektors für private Unternehmen die Investitionsstruktur verbessert werden. Auf der offiziellen Liste für private Investitionen stehen 80 Pilot-Projekte in Bereichen wie Verkehrsinfrastruktur, Erdöl- und Erdgasindustrie, Bau und Betrieb von Wasserwerken, Flughäfen und Telekommunikation. Um soziale Härten abzufedern, verfolgt die Regierung gleichzeitig arbeitsmarkt- und sozialpolitische Begleitmaßnahmen wie Steuererleichterungen für Kleinunternehmen oder die Förderung des Wohnungsbaus für Haushalte mit geringen Einkommen. Sinkendes Wirtschaftswachstum, ein Krisenzeichen?

Sinkendes Wirtschaftswachstum, ein Krisenzeichen?

Es ist unklar, ob der aktuelle Wachstumsrückgang stärker durch externe Einflüsse oder interne Restrukturierung bedingt ist. Aber die neue politische Führung Chinas scheint den Willen und die nötige Stärke zu haben, die längst überfällige Restrukturierung des Wirtschaftsmodells umzusetzen.

Noch scheint alles "nach Plan" zu laufen. So sieht die Indikativplanung für 2014 ein Wachstum von "ungefähr" 7,5 Prozent vor. Regierungseigenen Schätzungen zufolge ist eine Wachstumsrate von 7,2 Prozent notwendig, um eine Neubeschäftigung von 10 Mio. Arbeitskräften zu erreichen und die Arbeitslosenquote auf rund vier Prozent zu halten. Von einer Krisenstimmung in China kann momentan noch nicht die Rede sein. Bedingt durch die tiefgreifenden Strukturanpassungen wird jedoch eine Abschwächung des Wachstums zur Normalität werden.

Der Artikel erschien erstmals bei Capital.


Margot Schüller ist stellvertretende Direktorin des GIGA Instituts für Asien-Studien. Sie arbeitet schwerpunktmäßig zur chinesischen Wirtschafts- und Innovationspolitik und zu Auslandsinvestitionen chinesischer Unternehmen.

Yun Schüler-Zhou ist wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am GIGA. Sie untersucht die Internationalisierungsstrategien chinesischer Unternehmen und deren Direktinvestitionen in Europa.


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