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GIGA FSP 2 - Kleinprojekt Religion in Afrika

Die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) finanziert dieses Forschungsprojekt:

Zur Ambivalenz von Religion in Gewaltkonflikten.
Eine Pilotstudie zu eskalierenden und de-eskalierenden Wirkungen
von Religion in Afrika

 

 

Problemstellung und methodische Grundlagen:

Angesichts der anscheinend steigenden Anzahl religiös motivierter Gewaltakteure weltweit wächst die Besorgnis, dass Religionen in undurchschaubarer Weise eskalierend wirken. Darüber gerät bisweilen das Friedens- und Deeskalationspotential in den Hintergrund, das etwa von religiösen Überzeugungen, Wertvorstellungen und religiös motivierten Vermittlungsbemühungen ausgeht. Angesichts dieser Ambivalenz der Auswirkungen von Religion auf Konflikt stellt sich eine zentrale Forschungsfrage: Unter welchen Bedingungen tragen (im subsaharischen Afrika) welche religiöse Strukturen, Motive, Situationsdeutungen und Handlungen zu dem Ausbruch, der Eskalation oder aber der Prävention bzw. der Entschärfung von Gewaltkonflikten bei?
Aufgrund der Komplexität der Thematik scheint eine Pilotstudie unerlässlich, die ein Forschungsvorhaben größeren Umfangs qualifiziert vorbereitet. Die Notwendigkeit einer Pilotstudie ergibt sich aus wissenschaftlicher Sicht primär aus dem schwierigen methodischen Zugang zum Forschungsthema: Nicht nur in afrikanischen Gewaltkonflikten spielen zahlreiche keineswegs nur religiös bestimmte Faktoren eine Rolle, so dass eine annährende Isolierung der Auswirkungen von Religion - neben quantitativen Zugängen - nur durch eine geschickte Auswahl von Fallstudien erreicht werden kann. In komparatistischer Logik ist die anzustrebende Strategie, möglichst viele Kontextbedingungen konstant zu halten, die dann zur Erklärung von divergierenden religionsspezifischen Ausgangsbedingungen und konflikt-spezifischen Outcomes ausscheiden und damit maßgeblich zu einem besseren Verständnis der eskalierenden bzw. de-eskalierenden Wirkung von religiösen Motivlagen beitragen. Das wäre bereits ein gewichtiger Gewinn für die politologische und religionswissenschaftliche Forschung. Zu prüfen ist schließlich, ob angesichts der Komplexität von Handlungszusammenhängen darüber hinaus in Gewaltkonflikten mit einem gewissen Maß an Sicherheit für "Wenn-dann-Aussagen" gerechnet werden darf.
Die Auswahl eines solchen Vergleichssamples erfordert jedoch ein erhebliches Vorwissen über subsaharische Gewaltkonflikte, das nicht ad hoc gewonnen werden kann. Die Auswahl der Fälle erfordert also eine systematische Erfassung von religionsspezifischen (u. a. Art und Kräfteverhältnis religiöser Gruppen, Rolle von religiösen Akteuren, Unterscheidung von religiösen Akteuren und religiösen Aktionen, theologische Inhalte) und konfliktspezifischen Faktoren (u. a. Konfliktbeteiligte, Konfliktphasen, Intensität, Kriegs- und Konflikttypen, nichtreligiöse Konfliktgegenstände, Ethnizität der Beteiligten), sowie möglicherweise weiteren Bedingungen.
Eine so geschaffene empirische Grundlage muss mit dem theoretischen (und empirischen) Forschungsstand abgeglichen werden, um systematisch Forschungslücken zu identifizieren und innovative theoriegeleitete Forschungshypothesen zu generieren. Die Einschätzung geeigneter Methoden beinhaltet nicht nur Vorschläge für Vergleichssamples, sondern auch Empfehlungen für viel versprechende Forschungsinstrumente (Diskursanalysen, Experten- und Akteursinterviews, repräsentative Meinungsumfragen, Fokusgruppen, teilnehmende Beobachtung, "desk studies" etc.). Schließlich sind forschungspraktische Erwägungen für die Durchführung von empirischen Studien eine unerlässliche Voraussetzung für einen qualifizierten Förderungsantrag größeren Umfangs. Neben Fragen der Anwendbarkeit von verschiedenen Forschungsmethoden sind hier geeignete Kooperationspartner in Afrika, Deutschland und darüber hinaus zu erheben.

 

Erwartete Forschungsergebnisse:

Das Hauptziel der Pilotstudie ist die qualifizierte Vorbereitung eines gemeinschaftlichen Förderungsantrags (FEST, Uni Tübingen, Arnold-Bergsträsser-Institut, Freiburg, Max-Weber-Kolleg Erfurt, IAA) größeren Umfangs. Diese Institutionen sind an dem von der FEST initiierten interdisziplinären Forschungsverbund zu "Religion und Konflikt" neben zahlreichen weiteren Institutionen beteiligt. Zur Vorbereitung eines Gemeinschaftsantrags sollen drei Unterziele erreicht werden:

  • Die Entwicklung von elaborierten theoriegeleiteten Forschungshypothesen, die auf einer systematischen Darstellung des theoretischen und empirischen Forschungsstandes (inklusive einer umfassenden Bibliographie) und der Identifizierung diesbezüglicher Forschungslücken beruht.
  • Eine umfassende Übersicht über religionsspezifische und konfliktspezifische Faktoren im subsaharischen Afrika, die zu Vorschlägen für viel versprechende Vergleichsdesigns für Fallstudien genutzt werden soll, aber auch für sich genommen eine Forschungsleistung darstellt und u. U. auch zu quantitativen Analysen genutzt werden kann.
  • Eine Übersicht über forschungspraktische Möglichkeiten (Tauglichkeit und Anwendbarkeit von Forschungsinstrumenten, potentielle Kooperationspartner), die in Empfehlungen hinsichtlich der Vergleichsstudien und der geeigneten Forschungsinstrumente mündet.

 

Originalität des Vorhabens:

Die Originalität des Vorhabens ergibt sich aus inhaltlichen sowie methodologischen Aspekten: Eine systematische empirische Analyse der ambivalenten Effekte von Religion auf Gewaltkonflikte stellt für sich genommen eine Innovation dar. Die meisten Untersuchungen beschränken sich auf entweder negative oder positive Effekte. Eine Identifizierung der Bedingungen, die Eskalation und Deeskalation herbeiführen, ist eine Voraussetzung für die Entwicklung von Handlungsempfehlungen für Politik und Zivilgesellschaft, um Religionen für die Prävention und Lösung von Konflikten zu nutzen und negative Auswirkungen zu vermeiden.
Der geographische Fokus auf Afrika südlich der Sahara ermöglicht, dass im Gegensatz zum stark muslimisch dominierten Nahen und Mittleren Osten - zu dieser Region wurde bislang am meisten geforscht - das Christentum stärker in Untersuchungen einbezogen werden kann. Dies eröffnet auch eine bessere Untersuchung von interreligiösen oder interreligiös überlagerten Konfliktformationen (Christentum-Islam-"Animismus"). Zudem sind religiöse Faktoren in afrikanischen Konflikten bislang nicht systematisch vergleichend untersucht worden. Es dominieren Zugänge über ethnische Gegensätze, ökonomische Problemlagen bzw. Gelegenheitsstrukturen und Legitimationsdefizite der politischen Systeme. Welche Rolle religiöse Faktoren in afrikanischen Konflikten überhaupt und im Zusammenspiel mit anderen Faktoren spielen, wurde für die nach wie vor am meisten von Krieg und Gewalt betroffenen Weltreligion bislang nicht systematisch untersucht.
Method(olog)isch stellt eine Pilotstudie ein zentrales Element der Qualitätssicherung für ein umfangreicheres Vorhaben dar. Solche Voruntersuchungen sind jedoch selten. Die Qualitätssicherung zielt neben der Erarbeitung von elaborierten Forschungshypothesen und der Evaluierung forschungspraktischer Möglichkeiten vor allem auf die Auswahl der Fälle im Rahmen einer konsequenten Anwendung der Vergleichenden Methode im engeren Sinne. Folgt man der methodologischen Grundposition, dass sich die Ambivalenz der Auswirkungen von Religion auf Konflikte empirisch nicht angemessen durch quantitative "cross-country"-Analysen untersuchen lassen, weil viele der Phänomene nicht angemessen operationalisiert bzw. quantifiziert werden können, sind so genannte "Small N"-Vergleiche zu bevorzugen. Reichweite und Qualität solcher Vergleiche sind jedoch von der Auswahl der Fälle abhängig. Häufig wird die Fallauswahl aber unzureichend begründet, weil die Fallstudien a priori feststehen und zu wenig Wissen um wichtige Kontextbedingungen vorhanden ist. Die Förderung dieses Vorhabens würde solchen Defiziten vorbeugend helfen, indem verschiedene Möglichkeiten für Erfolg versprechende Forschungsdesigns aufgezeigt werden, die auf einer zielgerichteten Voruntersuchung basieren.

 

Antragsvolumen: 19.852,00 € (Kleinprojekt, finanziert durch DSF)
Projektdauer: Sechs Monate 1. November 2006 bis 30. März 2007

Letzte Änderung: 01. Dezember 2011

 
 
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