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FSP 4
Forschungsteam 3: Vergleichende Regionalismusforschung
Seit Anfang der 1990er Jahre hat die Zahl der Regionalorganisationen und regionalen Handelsabkommen rasant zugenommen. Im Zuge dessen hat auch die (vergleichende) Regionalismusforschung neuen Aufschwung erhalten. Regionalismus kann hier als staatlich gelenkte Kooperation und Integration zwischen Ländern innerhalb einer geographischen Region definiert werden. Ein Schwerpunkt dieser Literatur fragt nach den Antriebskräften dieser Entwicklung: Welche Faktoren treiben die Evolution dieses Phänomens an? Wie lassen sich unterschiedliche Entwicklungsverläufe erklären? Und welche Faktoren beeinflussen ihren Erfolg oder Misserfolg? Obwohl Antworten auf und Herangehensweisen an diese Fragen zunehmend „multidimensional“ geworden sind (Sbragia 2008: 29), ignoriert diese Forschung bisher ein erstaunliches Phänomen: Die Ähnlichkeit vieler Regionalorganisationen in ihrem institutionellen Design und den gewählten Integrationsmethoden. Vereinzelt finden sich zu dieser Beobachtung bereits Studien, diese sind aber bisher eher dünn gesät (Alter und Helfer 2010; Avery 1973; Jetschke 2009; Katsumata 2010) und bisher wenig systematisch vergleichend. Zwar hat es innerhalb der Literatur zur Regionalismus einen erstaunlichen Wandel und eine Weiterentwicklung gegeben: So wird klassische Forschung über regionale (Wirtschafts-)Integration nach dem Vorbild der EU zunehmend abgelöst von Studien, vor allem aus der Regionalwissenschaft, zu den spezifischen Charakteristika und Dynamiken regionaler Verbünde (Acharya 2009; Mattli 1999; Solingen 1998; Warleigh 2006). Die auffallenden Ähnlichkeiten zwischen diesen Regionalorganisationen werden jedoch auch hier eher vernachlässigt.
Hier setzen die neue Generation von Diffusionsstudien im vergleichenden Regionalismus und das Forschungsteam an (Jetschke und Lenz 2011). Das Merkmal unserer Herangehensweise ist, dass wir zwei Grundannahmen rationalistischer Ansätze regionaler Integration hinterfragen, nämlich erstens, dass Regionalorganisationen als voneinander unabhängig zu betrachtende Analyseeinheiten zu betrachten sind; und zweitens, dass sie aufgrund einer funktionalen Nachfrage nach entsprechenden Institutionen gebildet werden. Wir gehen von der Beobachtung aus, dass sich Regionalorganisationen in ihrem institutionellen Gefüge ähneln, und dass diese Ähnlichkeit kausal auf die Diffusion von Institutionen, Politiken und Praktiken zwischen Regionalorganisationen zurückgeführt werden kann. Theoretisch schöpft diese Forschungsrichtung vor allem aus soziologisch, aber auch rationalistisch, inspirierten Diffusionstheorien, die sich u.a. mit Isomorphismus unter internationalen Organisationen beschäftigen und testet ihre Erklärungskraft.
Das Team arbeitet an folgenden Themen:
I. Systematische Erfassung institutioneller Ähnlichkeit
- Was für ein institutionelles Design weisen Regionalorganisationen auf?
- Inwiefern ähnelt sich das institutionelle Design von Regionalorganisationen?
II. Bestimmung der Tiefe, Geschwindigkeit und Ausbreitung von Regionalorganisationen und Entwicklung möglicher Erklärungsfaktoren
- Lassen sich bestimmte Muster in diesen Übernahmen erkennen, und wenn ja, wie kann man dieses Muster erklären?
- Was sind Bestimmungsfaktoren dieses Musters?
- Warum und unter welchen Bedingungen übernehmen Regionalorganisationen bestimmte Institutionen von anderen Regionalorganisationen?
III. Diffusionskanäle
- Wer oder was sind die Antriebskräfte internationaler Diffusionsprozesse zwischen Regionalorganisationen?
- Welche Rolle übernehmen Akteure außerhalb der jeweiligen Regionen (z.B. EU, Weltbank, Asian Development Bank) in der Konstruktion von Regionen und der Diffusion von Integrationsmethoden?
- Welche Rolle spielen Akteure in den Regionen, wie regionale Führungsmächte?
- Welche Funktion kommt epistemischen Gemeinschaften dabei zu?
IV. Mechanismen der Diffusion
- Übernehmen Staaten institutionelle Designs, weil sie nach effektiven Problemlösungen suchen (rationales Lernen), weil ihnen bestimmte Institutionen und Politiken durch soziale Netzwerke näher gebracht werden als andere (soziales Lernen), oder weil sie sich zu Normen einer internationalen Gemeinschaft expressiv bekennen möchten?
V. Effektivität der übernommenen Institutionen
- Wann und unter welchen Bedingungen arbeiten übernommene Institutionen effektiv?
- Übernehmen diese Institutionen dieselben Funktionen wie in ihrem ursprünglichen Kontext oder handelt es sich dabei lediglich um „Institutionenhüllen“, die übernommen werden, ohne dass sie jemals effektiv arbeiten?
- Bilden sich ganz neue Praktiken heraus, die auf ihre Art effektiv sind?
Aktivitäten um das Forschungsteam herum:
Im Dezember 2010 hat sich die Themengruppe Vergleichende Regionalismusforschung innerhalb der IB-Sektion der DVPW gebildet. Ziel der Themengruppe ist es, diesen Forschungszweig innerhalb Deutschlands zu etablieren, die Vernetzung zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu fördern und gemeinsame Workshops und Konferenzen zu organisieren. Sprecherinnen der Themengruppe sind Prof. Dr. Tanja Börzel (FU Berlin) und Dr. Anja Jetschke. Die Themengruppe hat eine eigene Yahoo-Group, die man über eine Nachricht an folgende Email-Adresse abonnieren kann: verregio-subscribe[at]yahoogroups.de
Derzeitige Mitarbeiter:
Dr. Dr. Nele Noesselt (FT-Leiterin)
Dr. Sandra Destradi
Dr. Nadine Godehart
Maren Höpfner
Dr. Anja Jetschke
Prof. Dr. Detlef Nolte
Nicola Nymalm
Dr. Miriam Prys
Julia Rauland
Dr. Leslie Wehner
Stefanie Wodrig
Thorsten Wojczewski
Literatur:
- Acharya, Amitav (2009): Whose Ideas Matter? Agency and Power in Asian Regionalism. Ithaca [u.a.]: Cornell University Press
- Alter, Karen J., and Laurence R. Helfer (2010): Nature or Nurture? Judicial Lawmaking in the European Court of Justice and the Andean Tribunal of Justice, in: International Organization, 64, 4, 563-592
- Avery, William P. (1973): Extra-Regional Transfer of Integrative Behavior, in: International Organization, 27, 4, 549-556
- Jetschke, Anja ( 2009): Institutionalizing Asean: Celebrating Europe through Network Governance, in: Cambridge Review of International Affairs, 22, 3, 407-426
- Jetschke, Anja, and Tobias Lenz (2011): Vergleichende Regionalismusforschung Und Diffusion: Eine Neue Forschungsagenda, in: Politische Vierteljahresschrift , 3
- Katsumata, Hiro (2010): Mimetic Adoption and Norm Diffusion: 'Western' Security Cooperation in Southeast Asia?, in: Review of International Studies, 37, 2, 557-576
- Mattli, Walter (1999): The Logic of Regional Integration : Europe and Beyond, New York: Cambridge University Press
- Sbragia, Alberta (2008): Review Article: Comparative Regionalism: What Might It Be?, in: Journal of Common Market Studies, 46, 1, 29-49
- Solingen, Etel (1998): Regional Orders at Century's Dawn. Global and Domestic Influences on Grand Strategy. Princeton, NJ: Princeton University Press
- Warleigh, Alex (2006): Learning from Europe? Eu Studies and the Re-Thinking of 'International Relations', in: European Journal of International Relations, 12, 1, 31-51
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