Weibliche Genitalverstümmelung
(Female Genital Mutilation - FGM)
in Afrika

Eine Online-Dokumentation

Bearbeiterinnen: Sabine Hutfilter, Antonie Nord und Uta Winterhof

© Antonie Nord, Institut für Afrika-Kunde, Hamburg

Vorbemerkung: Die vorliegende Dokumentation wurde im Januar 2002 zusammengestellt und seither nicht aktualisiert. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass daher einige - zu externen Websites führende - Links nicht mehr funktionieren. Die weit überwiegende Zahl der Links führt zu Texten, die von uns selbst ins Netz gestellt wurden (zumeist rtf-Dokumente), und funktioniert weiterhin.


Im Kontext der Diskussion um die allgemeine Gültigkeit der Menschenrechte nimmt das Thema der weiblichen Genitalverstümmelung einen zunehmend wichtigen Platz ein. Auch im Zusammenhang mit asylpolitischen Fragen, vor allem hinsichtlich nichtstaatlicher und geschlechtsspezifischer Asylgründe, gewinnt das Thema an Bedeutung. So ist die Verstümmelung der äußeren weiblichen Genitalien immer häufiger der Grund dafür, dass Frauen und Mädchen ihr Land verlassen und in Europa und Nordamerika Asyl suchen.

Die Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung bedeutet die Verletzung verschiedener Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der daraus hervorgegangenen internationalen Richtlinien. Dazu gehören u.a. das Recht auf physische und psychische Sicherheit, das Recht, aufgrund des Geschlechts nicht diskriminiert zu werden, und das Recht auf Gesundheit und Wohlbefinden.

Im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung sind die wenigsten Staaten aktiv um Aufklärung und Schutz der Mädchen und Frauen bemüht. Dies kann einerseits als Verstoß gegen diese Verpflichtungen betrachtet werden, andererseits stellt sich hier die Frage nach der Universalisierbarkeit der Menschenrechte, denn die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist von verschiedenen Staaten nicht ratifiziert worden. Für einige Regierungen sind die Menschenrechte ein Teil der "westlichen" Kultur, das in ihrem Wertesystem keine Bedeutung besitzt.

Die Verstümmelung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane ist ein tradierter Brauch, dessen Durchführung kaum einer räumlichen Begrenzung unterliegt. Der gewaltsame Eingriff in den weiblichen Genitalbereich ist demnach nicht nur in rund 28 afrikanischen Staaten verbreitet, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Weibliche Genitalverstümmelung wird in einigen Nahoststaaten, in Asien, Australien, Latein- und Nordamerika und in Europa - unter Migrantinnen - praktiziert. Bis in das 19. Jahrhundert hinein war die weibliche Genitalverstümmelung auch unter Europäerinnen und US-Amerikanerinnen nicht unbekannt. Damals wurden die Eingriffe an den äußeren weiblichen Genitalien aus "medizinischen Gründen" vorgenommen. In den USA wurde sogar noch 1953 an einem zwölfjährigen Mädchen eine Klitoridektomie durchgeführt. Das Institut für Afrika-Kunde beschränkt sich bei der Dokumentation zur weiblichen Genitalverstümmelung aufgrund seiner regionalen Spezialisierung auf die Länder Afrikas südlich der Sahara; in der vorliegenden Dokumentation wird in Ausnahmefällen auch auf relevante Beispiele außerhalb dieser Region verwiesen.

Die hier übernommene Bezeichnung "weibliche Genitalverstümmelung" (englisch: Female Genital Mutilation - FGM, französisch: Mutilations Génitales Féminines) ist ein Sammelbegriff für verschiedene Formen des Eingriffs in den äußeren weiblichen Genitalbereich. Im Rahmen dieser Dokumentation haben wir uns für die Verwendung des Begriffs weibliche Genitalverstümmelung entschieden, da der Begriff Beschneidung eine zu große Nähe zu der eher harmlosen Praxis der Vorhautentfernung am männlichen Geschlechtsorgan herstellt. Wir möchten darauf hinweisen, dass in verschiedenen Artikeln der Begriff Beschneidung (englisch: circumcision, französisch: circoncision) synonym verwendet wird.

Schätzungsweise 120 - 130 Millionen Frauen und jährlich weitere zwei Millionen Mädchen sind weltweit von der Genitalverstümmelung betroffen. Über das Beschneidungsalter lassen sich keine generellen Aussagen treffen. Entsprechend der unterschiedlichen Traditionen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen variiert das Alter, in dem dieser traditionelle Brauch vollzogen wird. Die Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane wird hauptsächlich an Mädchen und jungen Frauen vollzogen - seltener an erwachsenen Frauen - und steht oft in Verbindung mit Initiationsriten.

Klitoridektomie, Exzision und Infibulation sind die verschiedenen Formen der weiblichen Genitalverstümmelung. Dabei wird die Klitoris ganz oder teilweise entfernt (Klitoridektomie), in anderen Fällen werden die Klitoris und die inneren Schamlippen (Exzision) "weggeschnitten", und in der weitestgehenden Form werden Klitoris und die inneren Schamlippen beschnitten, die äußeren ausgeschabt und danach zusammengenäht (Infibulation oder pharaonische Beschneidung).

Die "Sunna-Beschneidung" gilt als die mildeste Art eines Eingriffs in den weiblichen Genitalbereich, da nur Teile der Klitoris beschnitten werden. In der Wissenschaft wird kontrovers diskutiert, ob die "Sunna-Beschneidung" der weiblichen Genitalverstümmelung zuzuordnen ist oder als ein eher harmloses Pendant zur männlichen Beschneidung betrachtet werden kann.

FGM wird unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit praktiziert. Unter Angehörigen des Islam kommt die Ausübung dieser Praktiken ebenso vor wie unter Christen. Auch bei den Falascha, einer jüdischen Gemeinschaft in Äthiopien, ist diese Praktik Tradition. Doch weder der Islam, das Christentum noch der jüdische Glaube verlangen die Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane. Der zuweilen geäußerte Irrglaube, der Islam schreibe die weibliche Genitalverstümmelung vor, wird von international anerkannten Islamgelehrten, wie Dr. Muhammad al-Sabbagh, Professor der Islamwissenschaft an der King Saud Universität in Riad, abgelehnt.

Mit der Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung beschäftigen sich mittlerweile viele Organisationen. Multinationalen und nationalen Organisationen, kleinen und großen afrikanischen und westlichen Menschenrechts- und anderen Nichtregierungsorganisationen (NRO) ist das Ziel gemeinsam, aufzuklären und zu bewirken, dass diese Tradition nicht auf diese Weise weitergeführt wird.

WHO, UNICEF, UNFPA, Amnesty International, Terre des Femmes sind einige der großen Organisationen, die sich mit der Problematik beschäftigen. Von besonderer Bedeutung ist vor allem die Arbeit der afrikanischen NRO, die sich, auch in Zusammenarbeit und mit Unterstützung von westlichen Organisationen, für die Beendigung der weiblichen Genitalverstümmelung einsetzen. Das Thema FGM wird in einigen Staaten zunehmend öffentlich diskutiert und ist auch ein politisches Thema. Einflussreiche afrikanische Frauen (Journalistinnen, Ehefrauen von Staatschefs) nutzen ihre Stellung, um die Abschaffung der FGM zu unterstützen.

In einigen afrikanischen Ländern sind schon wertvolle Erfolge bei der Bewusstseinsbildung erzielt worden, die dazu beitrugen, Fälle weiblicher Genitalverstümmelung zu verhindern.